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Aus dem unteren Bildrand ragt eine Hand, die einen Karton hält, auf der gegenüberliegend ein weißer und ein schwarzer Scherenschnitt-Kopf zu sehen ist. Darunter steht: Fuck Racial Profling Fuck Racial Profiling

Der „Nafri“ an sich

Die Silvesternacht in Köln musste ruhig verlaufen. Das war sowohl durch das Aufgebot an Polizeikräften als auch durch das damit verknüpfte politische Schicksal der Verantwortlichen klar. Es gab auch nicht den kleinsten Grund anzunehmen, dass es in Köln zu irgendwelchen Vorfällen kommen würde, die über das gewöhnliche Maß an Vorfällen bei öffentlichen Großveranstaltungen hinaus gehen würde. Mit durchschnittlicher Intelligenz gesegnete Menschen haben also freudig dem Partyhöhepunkt entgegengesehen oder hätten ihre Aktivitäten auf andere Gegenden verlegt. Niemand wird den Akteuren solche Maßnahmen verübeln, aber es war klar: es wird nichts passieren. Aber es ist doch etwas passiert, etwas, das mich sehr geärgert hat. Die Polizei Köln twitterte um kurz nach 23 Uhr, dass man „mehrere Hundert Nafris“ kontrolliere. Diesen Ausdruck benutze man im Text und in der Bildunterschrift:

Twitterkommentar der Polizein Köln: #PolizeiNRW #Silvester2016 #SicherInKöln: Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen. http://url.nrw/silvester2016Quelle: https://twitter.com/polizei_nrw_k/status/815318640094572548

Diese Stellungnahme – zeitgleich zur Pressekonferenz des Innenministers (und ja, der gibt um 23 Uhr in der Silvesternacht PKs…) erzeugte schon mein Unbehagen. Seriöse Medien verwenden den Begriff „Nafri“ nur in Anführungszeichen, gleichzeitig distanzierend und kenntlich machend, dass es sich dabei allerhöchstens um eine Bezeichnung handelt, mit der man sich nicht gemein machen möchte. Der Kölner Express verwendet sie stets ohne solche Zeichen, aber wir sprechen ja hier auch über seriöse Blätter. Weiterhin verwenden den Begriff Onlineseiten, die ich gar nicht lesen will…

Auf Twitter fragte dann ein User nach, was denn wohl ein solcher „Nafri“ sei, die Aktuelle Stunde des WDR, die zuvor die Polizeimeldung verbreitet hatte, erklärte dann, dass das die Bezeichnung der Polizei für „nordafrikanische Intensivtäter“ sei.

Twitterkommentar WDR: Erklärung des Begriffs Nafri: So bezeichnet die Polizei nordafrikanische Intensivtäter.Quelle: https://twitter.com/aktuelle_stunde/status/815343681330880512

Nun kann man lange streiten, ob die Bezeichnung schlicht für „NordAFRIkanisch“ oder doch für „NordAFRikanische IntensivStraftäter“ steht, es macht die Äußerungen nicht weniger unsäglich. Nehmen wir den Begriff als verniedlichende Sammelbezeichnung für Menschen aus Maghreb-Staaten (ah, schon wieder so eine verniedlichend-entpersonifizierende Sammelbezeichnung…). Wir wissen mittlerweile, dass nach Augenschein dunkelhaarige Männer ohne Damenbegleitung dort aufgehalten wurden – um „lustigerweise“ kurz nach 24 Uhr dann schwubsdiwubs alle Maßnahmen zu beenden…Mag der Polizeisprecher am 1. Januar noch so weit zurückrudern, die „interne Bezeichnung“ sei nicht „für den externen Gebrauch“ gedacht, wissen wir auch längst, dass nicht einmal Deutsche nach dem Vorzeigen von Papieren und dem Hinweis ihrer blonden Deutschen Freude auf den türkischen Papa des festgehaltenen Kollegen ein Verlassen des „Nafri-Kessels“ bewirkt haben, geschenkt, ein guter Ermittler erkennt seine „Nafris“ am Haarschnitt…Zur Not halt auch Jungs aus Afghanistan und dem Iran, eh als Mischpoke, nöch?

Mich erzürnt, dass ein solcher Verdacht nach Gesicht in Deutschland möglich ist. Dass ein öffentlich rechtlicher Fernsehsender so dermaßen unreflektiert Sprache übernimmt und befeuert. Dass niemand am Tag danach die „Größe“ hat und zugibt, dass man da einfach mal auch Mist gebaut hat. Mich sorgt, wie weit eine solche Sprachverrohung bereits Einzug in Bereiche gehalten hat, die ich weit jenseits von *gida und Rechtsnews wähne. Sprache ist ein scharfes Schwert, und wer mit solchen Waffen so dermaßen sorglos um sich haut, der treibt dabei Leute dahin, wo er sie nie sehen wollte. Es ist noch nicht zu spät für eine Entschuldigung des WDR und der Polizei Köln. Und ein Umdenken innerhalb der Organisationen ist dringend nötig.

Grüße

Holger

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