Die Webseite der Piratenpartei Dortmund

PIRATEN Dortmund bei Sexarbeiterin

David Grade, Piraten, ist Mitglied der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord.Ein Gastbeitrag von David Grade
Lena Morgenroth arbeitet als Sexarbeiterin, schrieb ein Buch darüber, trat bei Günther Jauch auf, ist Aktivistin für die Rechte von Sexarbeitern, und jetzt gibt es einen Film über sie und ihren Job mit dem Titel „Sexarbeiterin“. Aufgeführt wurde er unter anderem im Sweet Sixteen in der Nordstadt mit anschließender Diskussion. Die Piraten Dortmund verlegten kurzerhand ihren Stammtisch in den Kinosaal.

Worum geht’s?

In „Sexarbeiterin“ wird Lena Morgenroth in ihrem Privatleben und in ihrer Arbeit begleitet. Der Film zeigt wie Sexarbeit sein kann: Selbstbestimmt, mit klaren Absprachen und als normaler Teil unserer Gesellschaft.

Das Sexarbeit nicht normal gesehen wird, zeigt die Sonderstellung, die diese Arbeit in den moralischen Vorstellungen vieler hat, die sich auch auf die Gesetzgebung durchschlagen und vielen SexarbeiterInnen Leben und Arbeit erschweren. Aktuell wird von der großen Koalition ein Prostitutionsschutzgesetz geplant. Nach Meinung der Diskussionsteilnehmer im Sweet Sixteen ist das zu bürokratisch, bevorzuge die großen Bordellbetriebe und werde problematische Formen der Sexarbeit weiter in die Illegalität drängen und damit unsicherer machen.

Die Situation in Dortmund?

In Dortmund kann jeder Mensch sein Gewerbe als SexarbeiterIn anmelden, die Stadt wünscht sich eine Normalisierung dieses Vorgangs. Doch damit sei schon an der Grenze zu Bochum Schluss, sagt Frau Tasillo vom Ordnungsamt. Es gäbe die Linienstraße als Bordellstraße und mehrere Bordelle im Stadtgebiet.
Über Wohnungsprostitution und Straßenprostitution wurde wenig gesprochen.

Unterstützt von Bordellbetreibern wurde in der Linienstraße ein Deutschkurs für migrantische Prostituierte angeboten, der laut Frau Hitzke von der Mitternachtsmission gut angenommen wurde. Die Polizei kontrolliere oft unangekündigt die Bordelle, um zu prüfen, ob alles mit rechten Dingen zugehe, sagte Herr Becker von der Polizei Dortmund, und ein Bordellbetreiber aus dem Publikum sagte, so könne das weiterlaufen, die Polizei mache das gut.

Und die Situation der SexarbeiterInnen?

Lena Morgenroht zählte auf, was eine SexarbeiterIn können muss, um ihren Beruf gut auszuüben. Sie muss sich selbst gut kennen, nicht nur ihre Grenzen, sondern auch die Bereiche, in denen sie gut ist. Sie muss Ahnung von Umgang mit Kunden haben, in Betriebswirtschaftslehre fit sein, Ahnung von den Gesetzen haben und von Marketing. Natürlich könne man Teile dieser Aufgaben auch auslagern, indem mensch nicht selbstständig arbeite, sondern sich einem Bordellbetrieb oder Massageservice anschließe.

Die Publikumsdiskussion kreiste auch um die Frage wie man Sexualität gesellschaftlich aufgeklärter behandeln könne, um das Stigma von Menschen zu nehmen, die in diesem Themenfeld ihr Geld verdienen. Durch Ächtung von Sexarbeit durch konservativer Gesellschaftsteile entstehen Räume, in denen Menschen unsicher seien, in denen illegales geschehe und SexarbeiterInnen in prekäre Situationen gedrängt würden, in denen sie sich nicht trauten, Unterstützung zu organisieren.

Was sagen die Piraten?

In Dortmund setzen sich die Piraten für die Wiedereinführung eines Straßenstrichs ein, um SexarbeiterInnen einen sichereres Arbeitsfeld zu ermöglichen, in dem sie ohne Abhängigkeiten von BordellbetreiberInnen oder anderen übergeordneten Hierarchien ihrem Beruf nachgehen können und um FreierInnen eine feste Anlaufstelle zu bieten.

Im letzten Wahlprogramm der Piratenpartei Deutschland stand zum Theme Sexarbeit folgendes:

„Die Entscheidung zur Ausübung der Prostitution fällt 1. unter das Recht auf freie Berufswahl sowie 2. unter das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Die Entscheidung zur Ausübung der Prostitution ist daher von Staat und Gesellschaft zu akzeptieren. Eine Diskriminierung und Kriminalisierung von Sexarbeitern und ihren Kunden lehnt die Piratenpartei ab.

Selbstbestimmt tätige Sexarbeiter sind keine Opfer. Vielmehr üben sie ihren Beruf eigenverantwortlich auf der Grundlage einer freien Entscheidung aus. Ihre Tätigkeit bedarf besonderer Fähigkeiten und Kenntnisse und verdient gesellschaftliche Anerkennung.

Deshalb werden wir alle Sonderregelungen zur Reglementierung von Prostitution dahingehend prüfen, ob sie geeignet, erforderlich und angemessen sind, die Anerkennung und die Rechte von Sexarbeitern sicherzustellen.

Die Stärkung der Rechte selbstbestimmt tätiger Sexarbeiter ist das beste Mittel gegen jedwede Fremdbestimmung. Sie dient der rechtlichen Gleichbehandlung sowie der freien und ungehinderten Berufsausübung“

Hier gibt es einen Überblick über den Diskussionsstand bei den Piraten auf Bundesebene.

Und was gibt’s zum Film zu sagen?

Der Film ist in Schwarzweiß gedreht und gekonnt komponiert. Explizite Sexszenen werden gezeigt, sind jedoch weitab von Porno- oder Schmuddelästhetik. Durch bildkompositorisches Geschick fühlt sich die Zuschauerin eher bei den Alltagszenen um Lena Morgenroth als Voyerin, nicht bei den Szenen, die sie bei ihrer Arbeit zeigen. So wird auch bildlich die Frage um Thema und Inhalt des Privaten aufgeworfen. Kann es nicht viel privatere und intimere Momente als Sex geben? Ist die Geheimniskrämerei um Sexualität nicht nur ein konservativer Mythos, der unser aller Alltagsleben erschwert?

Anfangs zeigt der Film Lena Morgenroth eher als Einzelperson, oft auf Reisen, alleine lesend – andere Menschen sieht man zunächst nur in ihrem Arbeitsumfeld. Ganz allmählich verändert sich der Fokus auf Morgenroth, zeigt auch ihre privaten Beziehungen und deren Umgang mit Morgenrohts Arbeit. Ein Rahmen wird durch die Unterteilung in Kapitel und den Einsatz eines Musikstücks gesetzt.

Durch dieses immer näher kommen an das Private wird Spannung erzeugt, ebenso durch den stetigen Wechsel zu Arbeits- sprich Sexzenen für Erregung – gelöst wird diese Spannung immer wieder durch Humor, wenn Lena Morgenroth beispielsweise vorliest, was sie sich zu einzelnen Stammkunden notiert hat – der Humor ist freundlich und respektvoll, so wie der ganze Film. Einige Szenen zeigen Lena Morgenroth und ihre Schwester beim Brettspiel – ein Höhepunkt, zeigt es doch, dass auch ganz normale Menschen Brettspiele spielen und sich nicht verschämt auf irgendwelchen Sondermessen verstecken müssen.

Ein guter, ein besonderer Film, wer die Chance hat ihn zu sehen sollte es tun.

David Grade

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