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Pirateninterview: Manon Heiland

Hinter den Strukturen und Inhalten der Piratenpartei Dortmund stehen viele Menschen, die sie unterstützen, schaffen, weiterentwickeln und vermitteln. Einer dieser Menschen ist Manon Heiland (MH).

Manon HeilandManon Heiland

David Grade (DG): Manon, du bist dreiundreißig Jahre alt, hast Informatik studiert und arbeitest als Web-Entwicklerin und Consultant in Dortmund. Was möchtest du noch von dir erzählen?

Manon Heiland (MH): Ich bin Dortmunderin mit Herz und Seele. Auch wenn es manchmal weh tut. Dortmund ist halt die schönste Stadt, wo gibt. In meiner Freizeit nähe ich gerne, gehe auf Fototouren und bin permanent auf der Suche nach dem perfekten Muffin. Wenn ich groß bin, habe ich einen Bauernhof mit einer Shiba-Herde und einem Erdbeergarten. Im Moment reicht es für meinen Plüschpanda und eine Couch mit Aussicht.

DG: Was sind deine Gründe bei den Piraten dabei zu sein?

MH: Die Frage ist falsch gestellt, die eigentliche Frage ist, warum bin ich noch dabei. Und die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Das ist vermutlich das Problem; loszulassen. Und weil wir ganz großartige Menschen im Rat und im Landtag haben, die ich nicht alleine lassen möchte.

Ich bin 2009 in die Piratenpartei eingetreten, weil ich Politik im Hinblick auf den Themenbereich Internet und Computer als massiv inkompetent empfunden habe. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn mehr Parteien ihre Netzpolitiker*innen ernster nehmen.

Allerdings haben ich und meine Weltsicht sich in den letzten sieben Jahren massiv geändert. Heute sind mir andere Themen wichtiger, ein Beispiel sind Grenzen.

Grenzen gehören abgeschafft und abgebaut, wo es nur geht; Länder-Grenzen, aber vor allem Grenzen in unseren Köpfen und unseren Herzen. Politik ist und bleibt unmenschlich, es geht mehr um kurzfristige Bedürfnisbefriedigung als langfristiges Verbessern der Welt. Der Status Quo wird bis zuletzt verteidigt, das merkt man zum Beispiel daran, wie schwer sich die Politik tut, die Ehe für alle zu ermöglichen. Obwohl es schon lange Realität ist, dass Familie nicht nur aus Mann + Frau + eigene Kinder besteht – wenn das je Realität war. Ich bezweifel es.

Wenn Politik es nicht schafft, einen ehrlichen, selbstkritischen Diskurs zu den eigenen Werten zu führen und die Gesellschaft zu öffnen, dann werden wir immer Angst vor Veränderung haben. Jede Veränderung folgt dann mit mehr oder weniger Gewalt.

Die Piratenpartei schafft dies übrigens auch nicht. In den letzten Jahren wurde oft von Grundsatzprogramm gesprochen, ohne das je definiert wurde, was dies eigentlich beinhaltet. Das war immer ein sehr individuell gefühlter Begriff, je nachdem mit welcher Erwartungshaltung die Person eingetreten ist. Wenn wir es schon im kleinen nicht schaffen, Probleme auszudiskutieren und einen Konsens zu erreichen, sondern derjenige gewinnt, der am längsten auf seiner (Macht-)Position sitzen bleibt, dann spielen wir nur eine Politiksimulation, die bestätigt warum es ‚da oben‘ nicht klappt. Um am Ende beweisen wir dass so viele Menschen zu recht politikverdrossen und Nichtwähler sind.

DG: Die Piraten haben den Ruf eine Nerdpartei zu sein. Was ist an dir nerdig?

MH: Ich mag den Begriff ‚Nerd‘ nicht, er markiert Gatekeeping. Zu Beginn wurde der Begriff verwendet, um Menschen zu othern, die sich mit Themen beschäftigen, die uncool oder zu komplex für die ‚coolen Kinder‘ waren. Und mit dem Reclaimen des Begriffs hat sich dieses Gatekeeping nur gedreht. Nerd darf nur sein, wer sich ein – im Zweifelsfall zu beweisendes – großes Wissen zu bestimmten Themen angeeignet hat. Dabei wird scharf unterschieden, welche Themen einen Nerd hervorbringen und welche nicht. Umfangreiches Wissen zu Comicbüchern kann eine*n qualifizieren, ein breites Wissen zur Gartenpflege jedoch nicht.

Vor allem ist es ein Begriff der Klassenschranken aufrecht hält, denn Geld und Zeit, die benötigt werden um Nerdstatus zu erreichen, stehen nicht jedem zur Verfügung.

Während ich nachvollziehen kann, dass viele versuchen den eigenen Schmerz, der durch Mobbing oder Ausschlusserfahrungen in der Jugend entstanden ist, positiv zu besetzen, lehne ich den Begriff trotzdem ab. Für mich hat er nie gepasst.

DG: Welche lokalpolitische Begebenheit bewegt dich aktuell am meisten?

MH: Da wäre zuallererst der Kampf gegen Rechts. Dortmund ist immer noch Nazi-Hochburg, und es ist wichtig, Politik so zu beeinflussen, dass das große zivile Engagement gegen Rechts gestützt wird. Würstchen grillen ändert nichts. Eine klare Haltung gegen Rechts schon. Demonstrationen der Rechten verhindern, wo es nur geht, und eine Polizei, die diesen zivilen Ungehorsam duldet, statt den Nazis den Weg frei zu knüppeln. Eine Rechtssprechung, die deutlich macht, dass eine rechte Gesinnung keinen Platz in unserer Gesellschaft hat.

Und dann natürlich das Engagement der vielen Menschen in Dortmund für die Refugees. Viel von der enormen Hilfsbereitschaft ist wieder verpufft, weil unbürokratische Hilfe und organisierte Verwaltung anscheinend nicht zusammengehen. Das ist schade und verschwendetes Potential. Dortmund könnte hier mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass es auch anders geht. Leider ist das nicht gewollt. Der Status Quo ist zu bequem.

DG: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte David Grade (DG), Mitglied der Piratenpartei Dortmund und seid 2014 für die Piraten in der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord.

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