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Überwachung? Ich habe doch nichts zu verbergen

Der Inhalt der Artikel gibt die Meinungen der einzelnen Autoren wieder und ist keine offizielle Verlautbarung der Piratenpartei.

Wer von uns kennt solche Aussagen nicht, kommen sie doch ständig, oft auch aus den eigenen Gedanken heraus. „Was habe ich denn zu verbergen? Nichts, denn ich bin nicht böse!“. Und, „Überwachung finde ich gut, werden doch Straftäter vielleicht zwar nicht an ihren Taten gehindert, man kann sie später aber zur Rechenschaft ziehen!“.

Grundsätzlich kann man solche Aussagen verstehen, wird doch gerade in der von Terrorismus belasteten Zeit mit diesen Angstszenarien hantiert, um die Überwachung eines ganzen Volkes zu begründen. Möchtest du als potenzieller Terrorist betrachtet werden, auch wenn du wirklich niemals Gedanken in dieser Hinsicht hegst? Natürlich möchtest du, dass Täter nach Möglichkeit vorzeitig gefasst werden. Daher ist die persönliche Überwachung auch kein Problem.

Du wohnst noch mal in welchem Ort? Ach ja, in Klein-Seppelgrün, Hintere Heide 22? Klein und gemütlich ist es da, stimmts? Du und Deine Nachbarn gehen alle aufs Straßenfest, jedes Jahr, bauen für die Kinder die Hüpfburg auf und trinken gemeinsam ein Bier. Feiern und tanzen, all das ist wirklich nicht böse. Ihr alle kennt sogar den Gustav G. aus der Himmelstrasse, mit dem zusammen ihr ein Bier trinkt. Auf Facebook seid ihr sogar Freunde, wenn auch nicht die besten, aber ihr kennt Euch.

Ist das nicht eine tolle Idylle

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem ihr einen Urlaub plant. Denn da erfahrt ihr, dass ihr nicht ausreisen dürft. Besser noch, das große Land, welches ihr besuchen wollt, verhängt eine Besuchssperre. Auch dürft ihr auf 1.000 Kilometer nicht an die Landesgrenze heran. Also auch das Ausweichurlaubsparadies in der Südsee ist davon betroffen!

Zu Recht werdet ihr Euch beschweren, dass man Euch das Reisen verbietet. Ihr lebt in einem freien und demokratischen Land! Ihr seid loyale Staatsbürger, die eine dem normalen Bürger zugestandene Meinung haben und nach außen auch vertreten. Warum also diese Restriktionen?

Der Fehler, der euch bei der Planung eures Reiseziels unterlaufen ist, ist simpel. In früherer Zeit habt ihr gegen den Staat mal rebelliert. Sei es nun Startbahn West oder Anti-Atom oder Ostermärsche. Zudem kennt ihr, weil auf Facebook befreundet mit Gustav G., der einen Freund hat, der eng mit subversiven „Elementen“ zusammenarbeitet, die gegen den großen Staat sind. Sie propagieren einen offen zur Schau gestellten „Anti- (großen-Staat) ismus“, von dem sie immer wieder und schon lange fordern, dass sich da etwas ändere.

Ihr könntet damit eine echte Gefahr sein, theoretisch

Tja, und da nur Computer in der Lage dazu sind, Unmengen von Daten miteinander zu vergleichen, kann es passieren, dass diese eiskalt operierende Maschine, so ohne jede menschliche Regung, euch auf einen Index setzt, der vielleicht lautet: „Könnten miteinander zusammenhängen, denn früher waren diese Personen auch schon mal – dagegen -“.

Diese Maschine erkennt nicht eure Linientreue. Diese Maschine erkennt nur, „da war mal etwas“. Und Dinge, die schon lange im vergangenen liegen mögen, müssen ja nun heute nicht grundsätzlich anders sein, oder? Also rauf auf die Beobachtungsliste.

Der Urlaub ist sicher schon vergessen, denn das alternative Reiseziel stellte sich als hervorragender Ersatz heraus. Ihr lebt weiter frei nach dem Motto: „Was soll passieren!“. Ihr macht nach wie vor eure Straßenfeste und die Welt ist in Ordnung. Einziges Problem, eure Kinder sind, so wie es Jugendliche wohl immer sind, heute die kleinen Revoluzzer, die ihr „damals“ auch mal gewesen seid. Ihr findet das nicht schlimm, ging es euch doch „damals“ ebenso.

Die große Tochter hat ein gutes Zeugnis von ihrem Gymnasium erhalten, möchte sie doch studieren. Irgendetwas mit Maschinen, ist das doch die Technik, die immer wieder gebraucht wird. Sie bekommt diesen Studienplatz nicht. Eine andere Person wird ihr vorgezogen. Wird das vielleicht noch als persönliches Pech betrachtet, so ist dieses Pech aber keines, seid ihr früher doch auch solche Revoluzzer gewesen, kennt einen Gustav G., der andere kennt und ihr seid schon mal zum Urlaub abgewiesen worden. Alles das ist aktenkundig, die Gründe dazu werden nicht gespeichert. Nur eben das es so war und ist.

Also kann Maschinenbau für das Kind nichts sein, kann man damit doch neue Terroristen erziehen und denen das Handwerkszeug neuester Technologien in die Hand geben. Und das wollen wir ja alle nicht, deshalb muss ja überwacht werden, damit so etwas nicht passiert. So langsam merkst du selber, dass hier etwas nicht stimmen kann? Aber du magst ja immer noch die Überwachung. Ist es doch bis hier hin vielleicht nur eine „kleine“ Einschränkung in dein Leben, welches der Staat für dich regelt. Denn so lange böse Menschen gefasst werden, kann man damit doch irgendwie leben. Man wird sich schon damit abfinden. Laut und offen dagegen protestieren wird nun nicht mehr so wichtig sein, lieber unauffällig werden, nichts tun, was einem das nächste Urlaubsziel verbieten könnte.

Der Überwachungscomputer wird dieses Verhalten ebenso registrieren. Ihr werdet nicht mehr aktiv, seid plötzlich wie von der Bildfläche verschwunden. Das muss doch stutzig machen, oder?! „Die da haben etwas zu verbergen“, wird es an entsprechender Stelle lauten. Aber euch passiert ja nichts. Ihr könnt zwar immer noch nicht eure Akten einsehen, welche Dossiers über euch angelegt worden sind, aber ihr wollt ja in Ruhe leben. Daher werdet ihr euch mit dem Staat auch nicht anlegen. Hauptsache eure Kinder können in aller Ruhe in die Schule gehen, vielleicht studieren und eine eigene kleine idyllische Familie gründen.

Datenbanken vergessen nicht

Wir sind nun schon viele Jahre in der Zukunft. Die Kinder sind groß, vielleicht alle schon aus dem Haus. Die Überwachung lief und entwickelte sich weiter. Ihr fahrt jetzt oft zu den Kindern, oft genug um immer und häufig dieselbe Autobahn zu benutzen. Ihr habt es vielleicht gar nicht mitbekommen, aber in der Nähe, zu der Stelle wo ihr damals geparkt habt, war vor einigen Jahren mal ein Banküberfall. Zu dieser Zeit wurden eure Mobiltelefone in eben genau dieser Funkzelle registriert. Und schon wieder hat unser geheimnisvoller Überwachungscomputer neue Daten, die zu euch gespeichert werden.

Persönlich ist man vielleicht auch noch krank geworden, hat einen Hautausschlag entwickelt, der auch von chemischen Mitteln zum Bombenbau herrühren könnte? Natürlich war es nur eine Reizung der Haut, weil man vergessen hatte, beim Versprühen mit dem letzten Pflanzenschutz die Handschuhe überzustreifen. Auch das wird der Computer registrieren, werden eure Daten ja auch hier in einer zentralen Datenbank abgelegt.

Und nun habt ihr ein Grundstück irgendwo erworben. Im Nachbarort gab es da mal einen Fall, die meisten werden das schon vergessen haben, da fand man mal bei einem Zuhälter eine Pistole und viel Geld. Darunter befanden sich auch ein paar der Banknoten aus dem Banküberfall vor einigen Jahren. Aber davon wisst ihr auch nichts. Warum auch?

Eure Kinder wollen nun auf diesem Grundstück ein Haus bauen und benötigen Geld. Wovon ihr aber auch nichts wisst, auf diesem Grundstück stand vor vielen Jahren eine kleine Maschinenfabrik, die Spezialstahl verarbeitete. Aufgrund eines Computerfehlers wurde aber niemals in den Datenbanken verzeichnet, dass diese Fabrik schon lange abgerissen worden ist und nun als Wohngrundstück dienen soll. Der nette Überwachungscomputer wird also den Kreditantrag bekommen und „denken“, die wollen nun doch aktiv werden. Denn Banküberfall, der Zuhälter im Nachbarort, die alte Metallfabrik und jetzt wollen die da investieren? Da ist eine gemeinsame Sache im Gange, denn das passt zusammen. Eure Kinder wollen dort eine Vernichtungswaffe produzieren. Eine die gegen die guten „Überwachungsstaaten“ eingesetzt werden könnte!

Zu weit hergeholt? Nun in der DDR genügte es, wenn man eine Konstruktion eines Heißluftballons auf eine Serviette zeichnete, mit dem man evtl. in den Westen hätte abhauen können. Dabei war es nur eine simple Zeichnung, um den Kindern zu zeigen, „Schaut, so funktioniert das Prinzip“. Die Stasi kam, sah und siegte, sie sperrte die entsprechende Person ein.“ Und das war „nur“ Denkfehler eines Menschen! Was denkt ihr wie ein Computer damit umgeht? Noch viel abstrakter als ich es je hier schreiben könnte. Und nun?

Das Leben des Brian

Oder das Beispiel aus dem Film „Das Leben des Brian“. Als Brian in die Wüste floh, um der Masse zu entgehen, die ihn als vermeintlichen Messias betrachtete. Er konnte sagen was er wollte, es wurde immer als „das Zeichen“ wahrgenommen (nur der wahre Messias verleugnet seine Herkunft etc.).

Wehe ihr wehrt euch, denn je mehr ihr euch wehren werdet, desto weniger dürft ihr tun, und wenn ihr fragt, was mit euren Daten passiert, seid ihr schon gegen das ganze System in dem ihr lebt. Das macht euch zum Staatsfeind, der sofort und ohne Reue weggesperrt werden muss, und weil eure Kinder hier auch noch leben sollen, macht am Besten gar nichts! Verhaltet euch so unauffällig wie möglich. Tut nichts was dem Staat suggerieren könnte, dass ihr euch wehren wollt.

Wenn
euch dieses System gefällt, bleibt bitte schön ruhig.

Text: @HuWutze

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