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Wirtschaftsflüchtling ist ein Kampfbegriff

„Die Intention für heute war es ein differenzierteres Bild zu schaffen.“

Mit diesen Worten leitete Emmanuel Peterson vom Verein junger Deutsch-Afrikaner e.V. seine Schlussworte zu der Veranstaltung „Auf der Flucht – Warum junge
Afrikaner nach Deutschland  flüchten?“ ein. Auch mehrere Dortmunder Piraten saßen im prall gefüllten Saal der Auslandsgesellschaft NRW. In diversen Vorträgen und Podiumsdiskussionen wurde nicht nur über die Hintergründe von Flucht, die Situation in Afrika südlich der Sahara, internationale und wirtschaftliche Zusammenhänge, sondern auch mit Flüchtlingen geredet.

Ein ehemaliger Landwirt aus dem Publikum berichtete:
Er habe Reis für die einheimische Bevölkerung angebaut, konnte aber nicht mit dem billigeren Reis aus den USA konkurrieren, nachdem die IWF und Weltbank
Ghana 1981 dazu zwang, die Einfuhrbeschränkungen auf Reis zu senken.
Kein Einzelfall: Heute muss Ghana einen Großteil seines Reisbedarfs importieren. Das gleiche Szenario wiederholt sich aktuell mit Hühnerprodukten.

In einigen Ländern Afrikas werden Landwirte nicht nur von billigeren Exporten, sondern auch vom Klimawandel und von Landbraub bedroht. Menschen werden aus ihren Heimatregionen vertrieben, damit der Staat das Land an internationale Großkonzerne verkaufen kann.
Serge Palasie stellt fest: „Man sieht ja keine Bomben”, aber letztendlich sei es egal ob Menschen sterben, weil Bomben auf sie fallen oder weil sie arm sind, wenig Bildung, wenig Essen, wenig medizinische Versorgung und keine realistische Perspektive auf Besserung vor Ort haben. Der Begriff Wirtschaftsflüchtling sei schlichtweg ein politischer Kampfbegriff, um Menschen als gierig erscheinen zu lassen und nicht auf der Flucht von einer letztlich lebensbedrohenden Situation hin zu einem besseren Leben. Ein trauriges Symptom der Schreckvorstellung: „Was ist wenn die Afrikaner kommen?“ (Kajo Schukalla)

„Wer hier herkommt, hat ein Ziel. Und das ist nicht Zuhause herum sitzen!”

Der Flüchtling Sukid hatte sich seine Ankunft in Deutschland anders vorgestellt. Er wollte arbeiten und nicht nur in Heimen herumsitzen. Genau wie die anderen afrikanischen Flüchtlingen versteht er nicht, warum syrische Flüchtlinge Deutsch lernen dürfen aber viele Afrikaner nicht. Kossi Nodoté Logovi vom Phönixhaus kritisiert, dass dies zu zusätzlichen Spannungen zwischen den verschiedenen Flüchtlingsgruppen führe. Kevin Matuke vom Integrationsrat Dortmund fordert, dass die Stadt ihre bisherige Finanzierung von Flüchtlingshilfe und Integrationsmaßnahmen verstärken und Deutschkurse auch ohne Aufenthaltstitel angeboten werden müssen.

”Meine Eltern sind Wirtschaftsflüchtlinge. Ich bin sehr froh darüber. Deutschland ist schön – Leider nicht für alle.”Mit diesen Worten beendete Emanuel Peterson den Abend.

Das Abendprogramm

Veranstalter war der Verein junger Deutsch-Afrikaner e.V. in Kooperation mit Planerladen e.V., Auslandsgesellschaft NRW e.V., Ghana Forum NRW und Afrido. Den Einstieg lieferten die Vortragenden Kajo Schukalla vom Ghana Forum NRW und Serge Palasie vom Eine-Welt-Netz NRW. Ihre Vorträge rund um Fluchtursachen und die historischen Zusammenhänge rund um die Kolonisierung Afrikas bis heute stimmten thematisch auf den Abend ein.

Direkt im Anschluss standen zwei Flüchtlinge mit sehr unterschiedlichem Hintergrund Rede und Antwort. So war Sudik aus Ghana schon seid vier Jahren in Deutschland, doch nur geduldet und immer noch von einem Übersetzer abhängig. In seinem Flüchtlingsheim arbeitet er für 1,50€, nur um sich beschäftigt zu halten. Noah hingegen, geboren in Griechenland, war nach Deutschland geflüchtet, nachdem Ausländer von Rechtsradikalen abgestochen wurden, und hat bereits einen Aufenthaltstitel. Sein Fachabitur hatte ihn bereits herausgefordert auch  deutsche Wörter wie „kontinuierlich“ zu meistern, obwohl er bei seiner Ankunft in Deutschland an der Deutschen Sprache verzweifelte.

Der Kurzfilm “Fluchtwege” markierte dann die Halbzeit des Abends, bevor die Podiumsdiskussion mit Kossi Nodoté Logovi vom Phönixhaus und Kevin Matuke vom Integrationsrat einen direkten Blick auf die Dortmunder Situation warf und die unterschiedliche Behandlung der Flüchtlinge mit ihren Bleibeaussichten erklärten.

Beendet wurde der Abend mit Musik, afrikanischem Essen und persönlichen Gesprächen.

Meine persönlichen Eindrücke:

Die Befragung der Flüchtlinge gehörte für mich zu den Höhepunkten des Abends, da ich es immer wieder gut finde, wenn aus Begriffen wie „Flüchtling“ echte Menschen werden. Ich fand es auch insgesamt sehr angenehm, dass die Veranstalter und auch ihre geladenen Gäste einen persönlichen Bezug zum Thema hatten. Sei es, weil die Eltern selbst Flüchtlinge waren, oder die eigene Arbeit praktische Bezugspunkte rund um das Flüchtlingsthema hatte.

Unterschwellig, war der gesamte Abend für mich mit der Kritik am Flüchtling zweiter Klasse durchzogen. Ein Großteil des Publikums schien dieser Kritik zuzustimmen.
Die europäischen Piraten haben bereits 2014 festgestellt: “Menschen, die vor Diskriminierung, der Verfolgung aufgrund ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität beziehungsweise Orientierung, vor Klima- und Umweltkatastrophen, aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Gruppe oder wegen der Existenzbedrohung durch Armut und Hunger geflohen sind, müssen ebenfalls als asylberechtigt anerkannt werden. Auch diese Fluchtgründe sind
mittelbar oder unmittelbar Folge politischer Entscheidungen. Eine Hierarchisierung von Fluchtgründen lehnen wir ab.”
Quelle:
https://www.piratenpartei.de/archiv-abgelaufene-aktionen/grenzenlos-europa/eu-wahlprogramm-2014/#Europ.C3.A4ische_Asylpolitik

Den Schicksalsschlag, den der Landwirt aus Ghana erleiden musste, als der IWF und die Weltbank Ghana dazu zwangen die Einfuhrbeschränkungen
auf Reis zu reduzieren, erinnert mich an die Diskussion zu Freihandelsabkommen wie TTIP. Einige interessante Hintergründe zum Nachlesen finden sich unter anderem hier:
http://rosalux-europa.info/userfiles/file/TTIP_UHerrmann.pdf

 

Ein Artikel von Magdalena Zenglein und David Grade.

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